Warschau. Geschichte einer zentraleuropäischen Stadt

Bericht über die Exkursion vom 23. bis 28. Juli 2018

Warschau. Geschichte einer zentraleuropäischen Stadt

2018

Warschau. Städtische Verdichtungen von Monarchie, Adelswelt, zentraleuropäischem Judentum, nationalem Aufbruch, Terror und Staatssozialismus

 

Warschau – Paris des Ostens – so wird es oft genannt. Vor dem großen Krieg muss Warschau Ähnlichkeit zur französischen Metropole, allerdings auch einen ganz eigenen Charme gehabt haben – Bilder aus der vormaligen Zeit legen dies eindringlich nahe. Heute drängen sich bei der Ankunft unserer Gruppe andere Assoziationen auf: pulsierend, modern, Streetfood, Sozialismus. Warschau kennt demnach nur einen Weg, den in die Zukunft. Wenn dieser auch mit kleinen bzw. eher großen Rekurrenzen an die, aus Sicht der Polen, heroische Vergangenheit gepflastert ist.

Schon der erste Tag zeigt die Widersprüchlichkeit dieser Stadt. Vom Hotel bis in die Innenstadt wechseln sich auf der Straßenbahnfahrt alte, fast schon nostalgische Häuser und ganze Viertel sozialistischer Bauten kontinuierlich ab. Auch im Zentrum angekommen kann man den Charme des Sozialismus, etwa am Bahnhof, spüren. Doch schon gleich eine der ersten Stationen zeigt, dass Warschau früher so viel mehr zu bieten hatte als Platte. Das Hotel „Bristol“, einzigartig in seiner Jugendstilgestaltung lädt ein zum Verweilen, auch wenn es bei unserer Gruppe nur für ein ausgiebiges Schauen und Staunen reicht.

Der Weg vom Bahnhof in die Altstadt heimelt in der frühen milchigen Morgensonne des Ostens, die etwas Besonderes ist, verströmt sie doch ein beruhigendes und sphärisches Licht. Die kleinen nur zweistöckigen Häuser tragen ebenfalls dazu bei. Der Königsweg, welcher direkt hin zum Schlossplatz und zur Sigismundsäule führt, bringt uns durch die Krakauer Vorstadt“. An diesem Prachtboulevard befinden sich die repräsentativen Kirchen der Stadt, etwa die Heilig-Kreuz-Kirche mit dem eingemauerten Herzen Frederic Chopins, der bis heute weltweit berühmt ist. Schon der schlesische Schriftsteller Horst Bienek widmet diesem Herzen in seiner Gleiwitz-Tetralogie ausgiebig Raum. So ist die Kirche heute auch ein Pilgerplatz für Musiker aus aller Welt. Leider ist das „gemauerte Herz“ nicht so imposant wie man beim ersten Hören zu meinen glaubt. Es ist in einer Säule eingemauert und mehr als eine Plakette mit Chopins Namen und dem Hinweis auf sein hier liegendes Herz ist nicht zu finden. Auch diverse prunkvolle Adelspaläste und die Universität erstrecken sich auf dem Königsweg.

Ein erster längerer Halt ist am Adam-Mickiewicz-Denkmal geplant. Der Dichter gilt in Polen wie Goethe in Deutschland als die Verkörperung des polnischen Geistes. War es doch er, der die Begrifflichkeit Polen als „Christus der Völker“ prägte. Erst wenn sich Polen aus der Unterdrückung der Teilungsmächte befreit hat und später aus der Okkupation der Deutschen, kann es auferstehen. Daran anschließend, wenn der Leidensprozess der Polen beendet ist, werden auch die anderen Länder Europas befreit werden. Noch heute ist dieser Geist, diese Doktrin des Leidens, in allen Kirchen zugegen. Da hängen an den Wänden Abbilder von Papst Johannes II. direkt neben Roman Dmowski, einem polnischen Nationalisten der 1920er, und konträr eigentlich hierzu im polnischen Geschichtsbild, auch Gedenkplatten von Jozef Piłsudski, welcher der politische Intimfeind Dmowskis war.

Helden sind in Warschau überall zu finden. An jeder Ecke wird etwa auf die Helden des Warschauer Aufstands 1944 verwiesen. Allgegenwärtig ist somit auch der polnische Kampfgeist, der eng verbunden mit dem Motiv des polnischen Leidens ist. Wir verlassen die Flaniermeile Warschaus und vor uns öffnet sich das Schloss. Nach seinem Wiederaufbau in den 1970er Jahren, denn im Zweiten Weltkrieg wurde Warschau fast komplett zerstört, glänzt es nun erneut in seiner barocken Ausschmückung. Die Warschauer Bevölkerung baute es nach dem Krieg wieder originalgetreu auf, zunächst sogar ohne Unterstützung der Regierung. Eingebettet in die Altstadt wirkt es zunächst unscheinbar, doch bei näherem Betrachten und anschließendem Betreten des Innenhofes wird einem die Aufgabe der Repräsentation vergegenwärtigt, unterstützt wird der Eindruck durch diverse historische Gemälde im Inneren, die auch hier „große“ Taten polnischer Helden und Freiheitskämpfer darstellen.

Ein Besuch in Warschau verspricht auch kulinarisch hochwertig zu werden: Pierogi, Naleszniki oder Bigos, um nur einige Nationalgerichte zu nennen. Zunächst gestaltet sich die Suche nach passenden Restaurants allerdings als überaus schwierig. Doch wer suchet, der findet. Frisch gestärkt bleibt den Exkursionsteilnehmern nichts verborgen, auch die mittlerweile heiße Ostsonne schreckt uns nicht ab. Der Altstadtmarkt, poln. „rynek starego miasta“, umgeben von malerischen Straßencafes und stimmungsvollen Restaurants, lässt erahnen, wie schön Warschau vor dem Krieg gewesen sein muss. Auch hier ist nach dem Krieg alles wieder aufgebaut und nachgebildet worden. Eine Ähnlichkeit zu Danzig lässt sich nicht leugnen.

Abschließend an diesem Tag besucht die Gruppe den Umschlagplatz. Von diesem aus sind über 300.000 Warschauer Juden in die Vernichtungslager deportiert worden. Ein eindrücklicher Platz, unterstrichen wird die Atmosphäre noch dadurch, dass israelische Gruppen hier Gedenkminuten für ihre Vorfahren abhalten, währenddessen Autos und LKWS am Denkmal vorbeibrausen. Es entspann sich hier eine angeregte Diskussion um die Art und Weise des Gedenkens und Erinnerns an die Shoa, die dem einen oder anderen Teilnehmer noch lange Zeit im Kopf bleiben wird.

Der anschließende Tag wird ausschließlich dem Thema „Jüdisches Warschau“ gewidmet. Während des Zweiten Weltkrieges befand sich in Warschau das größte europäische Ghetto, dessen Bewohner im Ghettoaufstand von 1943 zeigten, dass die jüdische Bevölkerung sich nicht zu Opfern machen ließ. Zuvor aber, bevor wir uns auf die Spuren jüdischen Lebens machten, konnten wir das Deutsche Historische Institut in Warschau besuchen. Die stellvertretende Direktorin, Frau Professor Leiserowitz, führte uns in Aufgaben und Tätigkeitsschwerpunkte des DHI ein und verwies auf die Möglichkeit von Praktika.

Im Anschluss führte uns Michael Leiserowitz, aus ausnehmender Experte für die Geschichte der polnischen Juden durch das „Polin“. „Polin“, bedeutet auf Hebräisch sowohl „Hier ruhe aus“ als auch „Polen“. Verbunden mit dieser Bezeichnung ist das Land Polen ab dem Mittelalter also auch ein Ort für die infolge der Pestpogrome geflüchteten Juden aus Westeuropa, die sich hier niederlassen konnten und denen in Polen weniger Restriktionen auferlegt wurden. Unendliche Zeiten hätte man in diesem Museum der jüdischen

Geschichte Polens verbringen können, da es diesem gelingt, die jüdische Geschichte in vielen kleinen persönlichen Geschichten zu vermitteln. Dies ist nicht nur dem hervorragenden Guide geschuldet, sondern auch großartigen Gestaltung des Museums. Höhepunkt des Besuches war für viele sicher das Gewölbe unddie bunt und traditionell osteuropäisch gestaltete Bima der ehemaligen Synagoge in Gwoździec, die im Polin nachgebildet wurde.

Das Museum befindet sich direkt im Areal des ehemaligen Ghettos. So wandeln wir weiter auf vergangenen jüdischen Spuren auf Schritt und Tritt. Schon vor der Tür des Museums ist ein epochaler Hinweis auf den Zweiten Weltkrieg zu finden. Hier steht das Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos, an welchem Geschichte geschrieben wurde. Einer, der keine Schuld am Nationalsozialismus hatte, im Gegenteil, einer, der selbst in dieser Zeit verfolgt wurde, kniete vor diesem Denkmal und bekannte sich pars pro totofür das ganze deutsche Volk schuldig: Willy Brandt.

Beeindruckend, manchmal auch beängstigend ist unser weiterer Weg durch das ehemalige Ghetto. Die polnischen Bewohner dieses Stadtteils wohnen in teilweise denselben Häusern wie in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Einige Fassaden weisen Einschusslöcheren masseauf. Geschichte wird in Polen auch in den eigenen Vierwänden zelebriert. Und wenn die Familie nicht persönlich involviert war in die Wirren der Aufstände, dann sind es die Wände der Häuser, die Vergangenheit atmen und ausströmen und des nächtens sicherlich auch wispern...

Der Donnerstag ist im Programmablauf von sozialistischen Bauten bis hin zu katholischen Kirchen bunt gemischt. Zunächst mag das widersprüchlich erscheinen, doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Der polnischen Bevölkerung ist in den Jahrhunderten viel genommen worden, doch die polnische Sprache (oftmals von den Okkupanten verboten) ebenso wie der Katholizismus sind bis heute integraler Bestandteil der Mentalität geblieben. Auch in der Zeit des Sozialismus hatte die katholische Kirche wohl mehr Einfluss auf das Volk als die sozialistische Regierung.

Nun also Praga, ein Arbeiterviertel und heute sozialer Brennpunkt von Aussteigern und solchen, denen die Wende keine Vorteile brachte. Nachts, so heißt es, sollte man sich als Tourist nicht in diesem Viertel bewegen, aber auch tagsüber ist es in einigen Teilen düster und die Stimmung wirkt bedrohlich. Dennoch liegt über diesem Viertel, welches auf der anderen Seite der Weichsel liegt, ein Charme, der Charme Osteuropas. Es ist nicht alles blitzblank, Sand und Staub liegen auf den Straßen, der Putz bröckelt von den Häusern, Frauen sitzen auf wackligen weißen Plastikstühlen vor ihren Häusern, eine Ruine neben der anderen. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Praga ist ein Überrest des historischen Warschaus, eine Mischung aus Kriegszustand und Sozialismus. Der allgegenwärtige Verfall lässt das ganze aber auch heimelig erscheinen, er zeigt ein Polen, welches so heute nicht mehr zugegen ist. Abgelöst worden ist es von einer Schnelllebigkeit, Scheinheiligkeit und von Trabantenstadtteilen, die nur noch aus Büros bestehen, die aber nicht leben, die nicht pulsieren. Hynka zum Beispiel ist so ein Stadtviertel. Hier steht unser Hotel. Menschen, die nur noch arbeiten, damit auch in Polen der so gepriesene westliche Standard verwirklich werden kann. Aber es ist seelenlos. Und wenn sich die Preise ändern, wenn auch Polen kein Billiglohnland mehr ist, wovon vor allem momentan Apple, Google und andere profitieren, werden die Zelte abgebrochen. Was gibt es denn groß abzubauen? Warschau besteht nur zu einem geringsten Teil aus Fabrikgebäuden. Menschen hingegen, die verwalten und schalten, kann man dann auch bei der neuen Firmenverlegung beispielsweise auf den Balkan finden.

Doch zurück zu Praga und seinem Charme. Besonders schön sind die Marienaltäre, die sich in einigen Hinterhöfen finden lassen. Jeder Hof ein Altar, geschmückt mit bunten Plastikblumen. Diese Marienfrömmigkeit geht darauf zurück, dass Maria, die Mutter Gottes, auch als Königin Polens verstanden wird. Das wiederum, so würde man meinen, verkompliziert das Selbstverständnis Polens als „Christus der Völker“, dies aber nur am Rande. Abends ist ein weiterer Höhepunkt angesetzt, die Besichtigung des Kulturpalastes, der in den 1950er Jahren im stalinistischen Zuckerbäckerstil mit polnischen Elementen angereichert erbaut wurde. Die Aussicht ist atemberaubend, zeigt sie doch letztendlich, wie zerstört Warschau nach dem Krieg war. Überall kann man Plattenbauten sehen, sie sind Ersatz, sie füllen billig und relativ komfortabel und schnell die Kriegslücken. Wie lange der Kulturpalast allerdings noch stehen wird, ist fraglich, soll er doch nach Ansicht einiger Vertreter der regierenden PiS abgerissen werden, da er als Zeichen der sowjetischen „Besatzung“ verstanden wird. Aber ist das nicht falsch? Warum sollte man ein originales Gebäude in einer Stadt abreißen, die zu 90 Prozent rekonstruiert ist, die letztendlich eine Scheinwelt darstellt? Der Palast ist, wenn man so will, das einzige Gebäude, das Vergangenheit im Original vermittelt. Darüber hinaus ist Warschau auf der ganzen Welt eben auch wegen seines Kulturpalastes berühmt. Fast jede Ansichtskarte, die man in Warschau erwerben kann, bildet den Palast ab. Geschichte, wie schon mehrmals angemerkt, wird in Warschau zu einem höchst komplizierten Gebilde, welches Touristen manchmal vor unüberwindliche Hürden stellt, welche einen nur den Kopf schütteln lässt.

Aber Warschau hat auch romantische Seiten, nicht nur im Sinne von Kerzen und Rosenblättern, sondern im Sinne der Epoche der Romantik. Diese ist überhaupt mitunter die wichtigste Epoche der polnischen Literatur, oftmals unter Rückbezügen auf Sturm und Drang und den späten Goethe, welchen Mickiewicz so verehrte. Daher wäre eine Stadt wie Warschau ohne Universitätsbibliothek auch keine Stadt. Warschau hat hier eine Oase für Studenten geschaffen. Ruhen, lesen, nachdenken und das alles in einer Umgebung, die von unterschiedlichsten Grüntönen bestimmt wird. Auf dem Dach ist ein kleiner Park mit einer weinbewachsenen Rotunde und kleinen verwinkelten Lernorten angelegt, die zum verweilen und sinnieren einladen.

Am letzten Tag besucht die Gruppe den Łazienki-Park. Zu diesem gehörig ist ein angelegter See, auf welchem man wie in Venedig mit Gondolieren eine Auszeit nehmen oder an den lauen Sommerabenden einem Chopin-Konzert lauschen kann. Aber Warschau wäre nicht Warschau, wenn nicht auch in diesem Park alles von Geschichte künden würde. So verbrachte der zeitweilige russische Statthalter und Kaiserbruder Konstantin hier einige Zeit während der Teilungen. In der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges wurde aber auch der Wasserpalast gebrandschatzt.

Noch vieles könnte man berichten, von zahlreichen weiteren besuchten, besprochenen und historiographisch eingeordneten Sehenswürdigkeiten, von den nächtlichen Spaziergängen durch ein pulsierendes und buntes Warschau, von den philosophischen Gesprächen bei gutem polnischen Bier, oder gar vom erneuten nächtlichen Ausflug nach Praga von einigen Mutigen unserer Gruppe gewagt. Noch ist nicht aller Tage Abend, für diese Reise aber leider schon, die Zeit neigt sich zur Neige. Die wenigen Tage reichen nicht, um Warschau in all seinen Facetten und Widersprüchen wahrzunehmen. Ein weiterer Besuch ist Pflicht und steigert schon die Vorfreude auf das nächste Mal und eine Fortsetzung der polnischen Geschichte, vielleicht nach den Wahlen und, so zumindest meine persönliche Hoffnung, mit weniger Klitterung und Heroisierung und mit einem weiter stehenden und weit sichtbaren Kulturpalast.

Magdalena Paschke